Sehr geehrte Bürgerinnen und Bürger Deutschlands,
sehr geehrte Vertreterinnen und Vertreter von Politik, Gesellschaft und Religionsgemeinschaften,
in Deutschland wird immer wieder darüber gesprochen, wie „der Islam“ mit Demokratie, Rechtsstaat, Gleichberechtigung, Integration und einem friedlichen Zusammenleben vereinbar sein kann.
Diese Debatte ist wichtig. Sie verdient aber eine differenzierte Betrachtung.
Denn es gibt nicht den einen Islam, der von allen Muslimen identisch verstanden und gelebt wird. Es gibt unterschiedliche theologische Schulen, Bewegungen und Auslegungen. Deshalb sollte auch die Frage gestellt werden:
Was sagt der Islam selbst zu diesen Fragen und welche muslimischen Gemeinschaften versuchen, diese Grundsätze praktisch umzusetzen?
Aus der Sicht der Ahmadiyya Muslim Jamaat liegt hier ein Ansatz vor, der es verdient, ernsthaft betrachtet und anhand seiner Lehren und praktischen Arbeit geprüft zu werden.
Die Ahmadiyya Muslim Jamaat versteht sich als eine Reformbewegung innerhalb des Islam. Sie glaubt, dass der Verheißene Messias und Imam Mahdi, Mirza Ghulam Ahmad aus Qadian, im 19. Jahrhundert erschienen ist, um den ursprünglichen Islam wiederzubeleben, seine friedliche Botschaft hervorzuheben und die Religion von Fehlinterpretationen und extremistischen Entwicklungen zu reinigen.
Dabei geht es nach ihrem Selbstverständnis nicht um eine neue Religion und nicht um einen neuen Koran. Der Islam bleibt Islam, der Heilige Qur’an bleibt unverändert und Muhammad ﷺ bleibt der Heilige Prophet des Islam. Mirza Ghulam Ahmad wird innerhalb der Ahmadiyya als der vom Heiligen Propheten Muhammad ﷺ verheißene Messias und Mahdi verstanden.
Nach dieser Auffassung besteht die Aufgabe des Verheißenen Messias darin, den Islam nicht zu ersetzen, sondern seine ursprünglichen Lehren wieder sichtbar zu machen.
Islam und Demokratie: kein notwendiger Widerspruch
Ein zentraler Punkt dieser Diskussion ist die Frage, ob ein gläubiger Muslim gleichzeitig loyaler Bürger eines demokratischen Staates sein kann.
Aus Ahmadiyya-Sicht lautet die Antwort eindeutig: Ja.
Der fünfte Khalif der Ahmadiyya Muslim Jamaat, Seine Heiligkeit Mirza Masroor Ahmad, betont seit vielen Jahren, dass Muslime die Gesetze des Landes, in dem sie leben, respektieren und befolgen müssen.
Die Ahmadiyya-Lehre verbindet religiöse Überzeugung mit Loyalität gegenüber dem Land, in dem ein Mensch lebt. Ein Muslim soll seine religiöse Identität nicht dadurch beweisen, dass er gegen den Staat oder seine Mitbürger handelt. Vielmehr soll er ein verantwortungsvoller Bürger sein, der Frieden schafft, seine Pflichten erfüllt und die Rechte anderer respektiert.
Damit entsteht ein wichtiger Unterschied zwischen Religion und politischem Machtanspruch.
Der Islam, wie ihn die Ahmadiyya versteht, verlangt von einem Muslim nicht, in einem demokratischen Land ein paralleles Rechtssystem zu errichten oder staatliche Gesetze durch religiöse Vorschriften zu ersetzen.
Ein Muslim kann Muslim sein und gleichzeitig Deutscher sein. Er kann seine Religion praktizieren und gleichzeitig das Grundgesetz respektieren. Er kann eine Moschee besuchen, beten, fasten, seinen religiösen Verpflichtungen nachkommen und zugleich seine steuerlichen, beruflichen und gesellschaftlichen Pflichten erfüllen.
Religion und demokratische Staatsordnung müssen deshalb nicht zwangsläufig Gegensätze sein.
Was bedeutet Integration?
Auch beim Begriff „Integration“ lohnt sich eine Unterscheidung.
Integration bedeutet nicht zwangsläufig, dass ein Mensch seine Religion, seine religiöse Kleidung oder seine kulturelle Identität aufgeben muss.
Ein Muslim muss nicht aufhören Muslim zu sein, um ein guter deutscher Bürger zu werden.
Integration kann vielmehr bedeuten:
- die deutsche Sprache zu lernen,
- die Gesetze zu respektieren,
- einer Arbeit oder Ausbildung nachzugehen,
- Verantwortung für die eigene Familie und Gesellschaft zu übernehmen,
- Steuern und Abgaben zu leisten,
- Bildung ernst zu nehmen,
- die Rechte anderer Menschen zu respektieren,
- sich ehrenamtlich einzubringen,
- Konflikte friedlich zu lösen und
- die freiheitliche demokratische Grundordnung zu respektieren.
Das bedeutet nicht, dass jede religiöse oder gesellschaftliche Position automatisch mit jeder individuellen Lebensweise übereinstimmen muss.
Ein demokratischer Staat muss zwischen gesetzlicher Freiheit und persönlicher religiöser Überzeugung unterscheiden können.
Ein Mensch kann beispielsweise persönlich davon überzeugt sein, dass Ehe und Familie einen bestimmten religiösen Stellenwert besitzen, ohne anderen Menschen ihre gesetzlich geschützten Rechte abzusprechen.
Genau hier liegt eine wichtige Stärke einer demokratischen Gesellschaft: Menschen dürfen unterschiedliche Überzeugungen haben, solange sie die Rechte anderer respektieren und die Gesetze einhalten.
Die Stellung der Frau
Aus Ahmadiyya-Sicht ist auch die Stellung der Frau ein zentraler Bestandteil der islamischen Lehre.
Der Islam hat der Frau nach dieser Auffassung eigenständige Rechte zugesprochen, darunter Rechte auf Bildung, Eigentum, Erbschaft, Ehe und persönliche Würde.
Mann und Frau sind nicht in jeder biologischen oder gesellschaftlichen Funktion identisch. Das bedeutet jedoch nicht, dass die Würde des einen Menschen größer wäre als die des anderen.
Die Ahmadiyya-Lehre betont die geistige Gleichwertigkeit von Mann und Frau und sieht sowohl Männer als auch Frauen als unmittelbar für ihre eigenen Taten vor Gott verantwortlich.
Auch beim Kopftuch sollte zwischen religiöser Überzeugung und Zwang unterschieden werden.
Eine Frau sollte weder aufgrund ihrer Religion gezwungen werden, ein Kopftuch zu tragen, noch sollte sie aufgrund ihrer Religion daran gehindert werden, es freiwillig zu tragen, sofern keine gesetzlichen Gründe entgegenstehen.
Religiöse Kleidung kann Ausdruck persönlicher Überzeugung sein. Der Staat sollte deshalb grundsätzlich weder religiöse Kleidung erzwingen noch eine gesetzestreue religiöse Praxis unnötig unterdrücken.
Die Freiheit der Religion bedeutet schließlich auch die Freiheit, eine Religion ernsthaft zu praktizieren.
Die islamische Lehre steht für Frieden und lehnt Extremismus und Gewalt ab
Ein weiterer Punkt ist entscheidend:
Wenn jemand im Namen des Islam Gewalt, Terror, Unterdrückung oder religiösen Zwang ausübt, muss man fragen, ob dieses Verhalten tatsächlich mit den grundlegenden Lehren des Islam vereinbar ist.
Die Ahmadiyya Muslim Jamaat beantwortet diese Frage eindeutig.
Sie verurteilt jede Form von religiösem Extremismus und Gewalt und tritt für einen friedlichen Weg des Islam ein.
Ihr fünfter Khalif hat immer wieder die Bedeutung des Prinzips „Liebe für alle, Hass für keinen“ hervorgehoben.
Damit wird eine einfache Grundidee formuliert:
Man kann eine religiöse Überzeugung besitzen, ohne einen Menschen mit anderer Überzeugung zu hassen.
Man kann seine Religion verteidigen, ohne Gewalt anzuwenden.
Man kann an die Wahrheit der eigenen Religion glauben, ohne anderen Menschen ihre Menschenwürde abzusprechen.
Und man kann seinen Glauben konsequent leben und zugleich die Gesetze und die demokratische Ordnung des eigenen Landes achten.
Der verheißene Reformer
Für die Ahmadiyya ist dies nicht lediglich eine moderne Anpassung des Islam an Europa.
Die Gemeinschaft versteht ihre friedliche Auslegung vielmehr als Teil einer religiösen Verheißung.
In verschiedenen islamischen Überlieferungen wird von einer Zeit gesprochen, in der die muslimische Gemeinschaft in religiöse Spaltungen geraten werde und in der ein Verheißener Messias und Mahdi erscheinen werde.
Die Ahmadiyya Muslim Jamaat glaubt, dass diese Verheißung durch Mirza Ghulam Ahmad erfüllt wurde.
Er beanspruchte, der Verheißene Messias und Mahdi zu sein, der im Namen des Heiligen Propheten Muhammad ﷺ erscheint und den ursprünglichen Islam wiederbelebt.
Seine Aufgabe wird innerhalb der Ahmadiyya nicht als die Einführung einer neuen Religion verstanden. Vielmehr soll der Islam zu seiner ursprünglichen friedlichen und geistigen Botschaft zurückgeführt werden.
Damit verbunden ist auch die Überzeugung, dass die islamische Lehre nicht durch menschliche Gewalt oder politischen Zwang verbreitet werden darf.
Eine Gemeinde, die den Islam ohne Zwang vertreten möchte
Die Ahmadiyya versteht sich deshalb als eine Gemeinschaft, die religiöse Überzeugung mit friedlichem gesellschaftlichem Engagement verbinden möchte.
Ihr fünfter Khalif, Mirza Masroor Ahmad, ist heute das spirituelle Oberhaupt der weltweiten Ahmadiyya Muslim Jamaat.
Die Ahmadiyya ist nach eigenen Angaben in zahlreichen Ländern aktiv und engagiert sich unter anderem in den Bereichen Bildung, humanitäre Hilfe, interreligiöser Dialog und gesellschaftlicher Zusammenhalt.
Besonders wichtig ist dabei der Gedanke, dass ein Muslim seinem Land nicht nur nichts schaden soll, sondern ihm aktiv nützen soll.
Das bedeutet:
Nicht nur fragen, „Was kann Deutschland für mich tun?“, sondern auch:
„Was kann ich für Deutschland tun?“
Nicht nur staatliche Unterstützung in Anspruch nehmen, sondern selbst Verantwortung übernehmen.
Nicht nur Rechte fordern, sondern auch Pflichten erfüllen.
Nicht nur von Toleranz sprechen, sondern selbst tolerant gegenüber anderen sein.
Sozialstaat und Verantwortung
Auch hier bietet der Islam eigene Prinzipien.
Die islamische Sozialordnung kennt unter anderem die Zakat, also eine verpflichtende Abgabe für bestimmte Vermögensverhältnisse zugunsten Bedürftiger.
Hinzu kommen freiwillige Spenden und weitere Formen sozialer Verantwortung.
Damit besitzt der Islam bereits eine ausgeprägte Tradition der Unterstützung von Bedürftigen.
Das bedeutet selbstverständlich nicht, dass ein moderner Sozialstaat durch religiöse Spenden ersetzt werden soll. Deutschland hat seine eigenen gesetzlichen und sozialen Institutionen.
Es zeigt aber, dass soziale Verantwortung kein fremdes Konzept für Muslime ist.
Ein gläubiger Muslim sollte nicht nur danach fragen, welche staatlichen Leistungen ihm zustehen. Er sollte sich auch fragen, welchen Beitrag er selbst für die Gesellschaft leisten kann.
Ehe, Familie und persönliche Moral
Auch bei Fragen von Ehe und Familie sollte zwischen einer persönlichen religiösen Moral und staatlicher Gesetzgebung unterschieden werden.
Ein Muslim darf aufgrund seiner Religion davon überzeugt sein, dass die Ehe zwischen Mann und Frau eine besondere religiöse Bedeutung besitzt.
Diese persönliche Überzeugung bedeutet nicht automatisch, dass der Staat Menschen mit anderen Lebensentwürfen ihre gesetzlichen Rechte entziehen soll.
Ein demokratischer Staat muss unterschiedliche Überzeugungen nebeneinander aushalten können.
Gleichzeitig muss es einem religiösen Menschen erlaubt sein, seine eigene Lebensführung nach seinen religiösen Überzeugungen auszurichten, solange er damit nicht die Rechte anderer verletzt.
Das ist keine Schwäche der Demokratie.
Das ist gerade eine ihrer wesentlichen Herausforderungen und zugleich ihre Stärke.
Nicht jeder Muslim spricht für den Islam
Vielleicht liegt hier eines der größten Probleme der gegenwärtigen Islamdebatte.
Wenn ein Muslim etwas tut, wird häufig gefragt:
„Was sagt der Islam dazu?“
Das ist grundsätzlich eine berechtigte Frage.
Aber die Antwort darf nicht einfach lauten:
„Dieser Muslim hat es getan, also ist es islamisch.“
Auch Christen werden nicht ausschließlich anhand der Handlungen jedes einzelnen Christen beurteilt. Juden nicht anhand jedes einzelnen Juden. Und auch politische Ideologien werden nicht allein anhand jedes Menschen beurteilt, der sich auf sie beruft.
Deshalb sollte auch beim Islam zwischen folgenden Ebenen unterschieden werden:
Islamische Quellen, theologische Auslegung, konkrete Gemeinschaften und individuelles Verhalten.
Wenn ein Mensch im Namen des Islam Gewalt begeht, sollte untersucht werden, welche religiösen Argumente er dafür verwendet und ob diese Argumentation mit den grundlegenden islamischen Quellen tatsächlich übereinstimmt.
Genau hier sieht die Ahmadiyya einen wichtigen Teil ihrer Aufgabe.
Was die Ahmadiyya Deutschland anbieten möchte
Aus unserer Sicht sollte Deutschland deshalb nicht ausschließlich fragen:
„Wie muss sich der Islam an Deutschland anpassen?“
Eine weitere Frage wäre:
„Welche islamischen Lehren fördern nachweislich Frieden, Rechtsstaatlichkeit, Bildung, gesellschaftliche Verantwortung und friedliches Zusammenleben?“
Diese Frage kann offen und wissenschaftlich untersucht werden.
Dabei sollte nicht allein auf Selbstbeschreibungen geschaut werden. Man sollte auch die tatsächliche Arbeit der jeweiligen Gemeinschaften betrachten.
Wie gehen sie mit Gewalt um?
Wie stehen sie zum Staat?
Wie sprechen sie über Andersgläubige?
Wie behandeln sie Frauen?
Wie gehen sie mit Kritik um?
Wie engagieren sie sich gesellschaftlich?
Welche Position vertritt ihre geistliche Führung?
Und welche Konsequenzen ergeben sich daraus im praktischen Leben ihrer Mitglieder?
Wenn eine Gemeinschaft auf diese Fragen überzeugende Antworten gibt, sollte man sie nicht aufgrund allgemeiner Vorurteile gegenüber dem Islam ignorieren.
Kein Monopol auf den Islam
Damit ist ausdrücklich nicht gemeint, dass Deutschland eine bestimmte muslimische Gemeinschaft zum „offiziellen Islam“ erklären soll.
Religion ist keine staatliche Marke.
Deutschland sollte auch nicht bestimmen, welcher Muslim „der richtige Muslim“ ist.
Vielmehr sollte der Staat religiöse Gemeinschaften nach rechtsstaatlichen und transparenten Kriterien behandeln.
Wo eine muslimische Gemeinschaft die Verfassung respektiert, Gewalt ablehnt, friedlich arbeitet, ihre Mitglieder zur Gesetzestreue auffordert und sich konstruktiv in die Gesellschaft einbringt, sollte ein demokratischer Staat offen für Dialog und Zusammenarbeit sein.
Aus Ahmadiyya-Sicht besteht genau darin eine Möglichkeit:
Nicht den Islam bekämpfen, sondern mit Muslimen über den Islam sprechen.
Nicht pauschalisieren, sondern unterscheiden.
Nicht religiöse Menschen unter Generalverdacht stellen, sondern konkrete Positionen und konkretes Verhalten betrachten.
Und nicht versuchen, einem Menschen seine religiöse Identität zu nehmen, sondern Wege zu schaffen, wie religiöse Identität und demokratische Bürgerschaft miteinander vereinbar gelebt werden können.
Eine Einladung zum Dialog
Deutschland steht nicht vor der Aufgabe, zwischen Demokratie und Religion wählen zu müssen.
Die eigentliche Aufgabe besteht darin, eine Gesellschaft zu gestalten, in der religiöse Menschen ihren Glauben frei leben können und gleichzeitig die Rechte und Freiheiten aller anderen respektieren.
Die Ahmadiyya Muslim Jamaat möchte hierfür aus ihrer eigenen religiösen Überzeugung einen Beitrag leisten.
Sie sagt:
Wir wollen unseren Glauben leben.
Wir wollen die Gesetze unseres Landes respektieren.
Wir wollen unseren Mitmenschen in Frieden begegnen.
Wir wollen niemanden zum Glauben zwingen.
Wir wollen religiösen Extremismus ablehnen.
Wir wollen unseren Mitmenschen dienen.
Und wir wollen unsere Religion nicht durch Macht, sondern durch Argumente, Charakter und friedliches Beispiel vertreten.
Vielleicht sollte deshalb die Frage nicht nur lauten, ob der Islam zu Deutschland passt.
Vielleicht sollte die Frage vielmehr lauten:
Welche Auslegung des Islam trägt konkret zu einem friedlichen Deutschland bei, und wie können Staat, Wissenschaft, Religionsgemeinschaften und Bürger darüber sachlich miteinander sprechen?
Wir glauben, dass die Ahmadiyya Muslim Jamaat auf diese Frage eine eigene, theologisch begründete Antwort gibt.
Ob man diese Antwort religiös teilt, muss jeder Mensch selbst entscheiden.
Aber sie verdient es, gehört, geprüft und fair diskutiert zu werden.
Denn Frieden entsteht nicht dadurch, dass alle Menschen gleich denken.
Frieden entsteht dort, wo Menschen trotz unterschiedlicher Überzeugungen lernen, einander mit Würde zu begegnen, die Freiheit des anderen zu achten und gemeinsame Verantwortung für die Gesellschaft zu übernehmen.
Das sollte unser gemeinsames Ziel sein.
